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CATCH & RELEASE - Zur Strafbarkeit des Zurücksetzens maßiger Fische.
von Elmar Weber, 1. Vorsitzender des "Bergischer Fischerei-Verein 1889 e.V. Wuppertal"

Im letzten Blickpunkt veröffentlichte Baldur Bechthold einen Artikel, in dem er das Verhalten einiger Vereinsmitglieder in Frage stellte, die scheinbar jeden maßigen Fisch schlachten und mitnehmen. Daraufhin entwickelte sich innerhalb des Vereins eine Diskussion und Unsicherheit über die Rechtslage. Denn einige Mitglieder glauben, daß man sich sogar strafbar mache, wenn man nicht jeden maßigen Fisch außerhalb der Schonzeit waidgerecht töte und mitnehme.
Vorab eine Klarstellung: Es ist zwar richtig, daß das Zurücksetzen maßiger Fische strafbar sein kann. Ebenso richtig ist es jedoch, daß das schonende Zurücksetzen eines maßigen Fisches in den allerwenigsten Fällen strafbar ist. Es gibt kein Gesetz und keine Rechtsverordnung, die das Zurücksetzen überlebensfähiger Fische, die eigentlich mitgenommen werden könnten, verbietet. Es gibt jedoch ein bundesweit geltendes Tierschutzgesetz, nach dessen 1 niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Nach 17 Nr. 2 b) TierSchG macht sich strafbar, wer einem Wirbeltier länger anhaltende oder sich wiederholende oder erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt. Ebenso wird bestraft, wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder einem Wirbeltier aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt. Diese Grundsätze müssen wir bei der Ausübung unseres Hobbys beachten.
Verstöße gegen diese Normen des Tierschutzgesetzes haben in einzelnen Fällen zur Verurteilung von Anglern wegen Tierquälerei geführt. Das gilt z. B. für Gerichtsentscheidungen, durch die das Wettfischen, die Verwendung lebender Köderfische, die Lebendhälterung im Setzkescher und der sogenannte "Angelzirkus" als Verstöße gegen das TierSchG bewertet worden sind. Alle diese Entscheidungen sind sehr umstritten, sie sind jedoch nicht Gegenstand der hier zu klärenden Frage, ob wir maßige Fische wieder zurücksetzen dürfen.

Grund für die aktuelle Diskussion sind vielmehr erste Verurteilungen von Anglern, die gezielt große Fische gefangen und wieder freigelassen haben. So verurteilte das Amtsgericht Bad Oeynhausen am 10.4.2001 nach einer Strafanzeige des Deutschen Tierschutzbundes e. V. einen Angler, der in der Weser einen 44 Pfund schweren Karpfen angelte und wieder freiließ. Der Angeklagte hatte gezielt auf Karpfen geangelt. Dabei benutzte er Boilies. Als der große Karpfen anbiß, wurde er von dem Angler nach einem bei einem solch kapitalen Fisch unvermeidbaren lang andauernden Drill an Land gezogen. Nach der Landung des Fisches löste er ihn vom Haken und legte ihn auf eine Waage. Dabei stellte er fest, daß der Karpfen 44 Pfund schwer war. Sodann postierte er sich mit dem Fisch auf den Armen vor einer von ihm aufgestellten Kamera und fotografierte sich mit Hilfe eines Selbstauslösers. Anschließend setzte er den Karpfen in die Weser zurück. Das Foto und die dazugehörigen weiteren Informationen über Fangort und umstände übermittelte der Angeklagte an die Anglerpresse, die einen entsprechenden Sensationsbericht veröffentlichte. In dem gezielten Angeln auf "Kapitale" allein zu dem Zweck, sich anschließend mit dem dicken Fisch fotografieren zu lassen, um sich in den Medien präsentieren zu können, sah das Gericht einen Verstoß gegen das TierSchG. Es hat das Angeln allein aus Freude am Drill, verbunden mit dem zusätzlichen Motiv der Selbstdarstellung als Tierquälerei qualifiziert. Mit solchen und ähnlichen Urteilen gehen die Gerichte in Deutschland gegen eine Art des Angelns vor, die mit dem Begriff Catch and Release bezeichnet wird. Der aus dem englischen kommende Begriff bedeutet nichts anderes als "Fangen und wieder Freilassen" bzw. Fangen, um wieder freizulassen. Diese Art der Angelei ist in vielen anderen Ländern erlaubt. Sie gilt vielerorts, insbesondere auch bei vielen Fliegenfischern, als "feine englische Art".

Das deutsche TierSchG erlaubt diese Art des Fischens jedoch nicht. Das Fangen maßiger Fische mit dem von vornherein gefaßten Vorsatz, den an sich anders verwertbaren Fisch nach einem spannenden Drill wieder freizulassen, ist verboten.Etwas völlig anderes ist es, wenn man Fische von bestimmter Art und Größe erbeuten und verwerten will, jedoch andere als die gewollten Fische fängt. Denn das, was uns an den Haken geht, läßt sich nur sehr bedingt vorhersehen. Sobald ein anderer Fisch anbeißt, als der, den wir wollten, fehlt schon der Vorsatz zur Zufügung von Schmerzen oder Leiden ohne vernünftigen Grund. Nur am Rande sei bemerkt, daß in den wenigsten Fällen nachweisbar sein wird, was der Angler wirklich fangen wollte. Eine Strafbarkeit nach dem TierSchG setzt jedoch voraus, daß der Richter einen entsprechenden Vorsatz für erwiesen hält. Am besten läßt sich die komplizierte Juristerei an Beispielen erklären. Nach meiner Auffassung wären folgende Verhaltensweisen als strafbarer Verstoß gegen das TierSchG anzusehen:

a) Der Angler fängt beim Gemeinschaftsangeln einen großen Fisch, um Tagessieger zu werden; anschließend wirft er ihn in die Mülltonne, weil er keinen Fisch mag.
b) Der Fliegenfischer geht in den ersten beiden Märzwochen an die Wupper, um schon vor der Saison seine neue Rute zu testen. Die gefangenen Salmoniden läßt er wieder frei, weil sie Schonzeit haben.
c) Der Fliegenfischer angelt in der Fließwasserstrecke munter weiter, obwohl er das Tageslimit (drei Salmoniden) schon geschlachtet im Sack hat.
d) Der Wurmfischer hat an "seiner" Stelle gerade die zehnte Bachforelle verangelt, ohne daß sich der von ihm erhoffte Karpfen blicken ließ. Trotzdem stellt er das Angeln nicht ein.

Der Angler im Beispiel a) wäre nur dann strafbar, wenn er sein Verhalten von Anfang an so geplant hätte. Hätte er bei ansonsten gleichem Verhalten geplant, einen guten Fang mitzunehmen, weil seine Familie gerne Fisch ißt, wäre sein Verhalten ohne Zweifel straflos. Der Fliegenfischer im Beispiel b) hätte seinen Test auf die restlichen 50 Wochen des Jahres beschränken müssen, in denen das Angeln auf Äschen oder Bachforellen erlaubt ist, oder er hätte im Stausee auf Regenbogenforellen angeln können. Ein Angeln zu reinen Test oder Trainingszwecken ist allerdings als solches schon fragwürdig und abzulehnen, wenn man erbeutete Fische nicht verwerten möchte. Der Fliegenfischer im Beispiel c) hätte mit dem gezielten Fischen auf Salmoniden auf jeden Fall aufhören müssen, nachdem er sein Tageslimit erreicht hatte. Dagegen wäre es nicht strafbar, wenn er nach zwei maßigen Bachforellen die dritte zurücksetzen würde, weil er hofft, den erfolgreichen Tag mit einem kapitaleren Fisch zu krönen. Ebenso wenig wäre es zu beanstanden, wenn er eine zufällig gefangene Äsche zurücksetzen würde, weil er meint, daß die Äschenpopulation geschont werden müsse. Das Beispiel des Wurmfischers unter d) ist am schwierigsten zu beurteilen. Denn er wird sich damit entschuldigen, daß er die Bachforellen nur aus Versehen fing und in Wirklichkeit Karpfen angeln wollte, daß ihm also ein entsprechender Vorsatz fehle. So bedauerlich das Verangeln nicht gewollter Fische ist, so ist es nur dann strafbar, wenn von vornherein absehbar ist, daß dies mit gewisser Wahrscheinlichkeit passieren wird. In meinem Beispiel hat sich der Wurmangler gewiß strafbar gemacht, denn spätestens nach der mehrfachen Wiederholung seines Mißgeschicks war absehbar, daß er weitere Fische verangeln würde. Ob das Verhalten des Wurmanglers nach dem zweiten, dritten oder xten verangelten Fisch die Grenze der Strafbarkeit erreicht, wird von den konkreten Umständen des Einzelfalles abhängen. Die Entscheidung des Richters läßt sich ebenso wenig vorhersagen wie der Fangerfolg zu Beginn eines Angeltages.

Dieser Beitrag ist ein Versuch, Fehlvorstellungen über die Gesetzeslage zu beseitigen und den Mitgliedern die Unsicherheit zu nehmen. Kein Jurist ist jedoch dazu in der Lage, Grenzfälle in allgemein gültiger Form zu beurteilen und die Rechtsentwicklung vorherzusagen. Das läßt sich schon daran erkennen, daß unser Verein vor 30 Jahren nach heutigen Maßstäben schon fast als "kriminelle Vereinigung" anzusehen gewesen wäre. Denn vieles war damals erlaubt und üblich, was heute strafbar wäre. Trotzdem wird man niemandem vorwerfen können, vor 30 Jahren einen lebenden Köderfisch verwendet oder an Wettfischen teilgenommen zu haben. Ebenso wenig wird sich jemand anmaßen können, unsere heutige Rechtslage als völlig richtig oder absolut falsch zu beurteilen. Ich persönlich vermag jedenfalls nicht zu beurteilen, ob der tote Fisch besser ist als der "widerrechtlich" zurückgesetzte Fisch. Maßstab unseres Handelns sollten nicht nur Gesetze, Verordnungen und vereinsinterne Regelungen sein, sondern vor allem der Respekt vor der Natur und dem Leben. Mit einer verantwortlichen Einstellung hierzu lassen sich rechtlich problematische Grenzfälle fast immer vermeiden. Das galt vor 30 Jahren genauso wie heute.


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