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Große Fische müssen geschont werden oder vom Sinn und Unsinn von Höchst- und Mindestmaßen
Uns Studenten der Fischwirtschaft wurde ein Lehrsatz eingetrichtert, der sich mir fest ins Gedächtnis einprägte und den zumindest jeder Fischer und Gewässerbewirtschafter schon einmal gehört hat. Dieser lautet: "Der große Hecht zeigt den schlechten Fischer". Dieser Lehrsatz besagt, dass große Hechte schlecht für den Bestand sind, weil ihr Wachstumspotential schlecht ist und der Einfluss großer Hechte auf die Nachkommenschaft zumindest nicht positiv zu werten ist. Große Hechte, und leider wird dies auch auf andere Fische übertragen, müssen also raus aus dem Gewässer und ein Fischer, der den großen Hecht nicht befischt, ist also ein Schlechter seiner Zunft! Leider wird dem alten Lehrsatz auch heute noch stur gefolgt, obgleich wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, die die Bedeutung großer und vor allen Dingen älterer Laichfische aufzeigen. Lasst mich hier einmal ein paar neue Aspekte darlegen, die jüngst in der wissenschaftlichen Literatur erschienen sind:

Große und vor allem alte Fische haben positive Effekte auf: Erstens die Fruchtbarkeit. Die Anzahl an Eiern und damit die Anzahl der Nachkommen älterer Fische ist bedeutend höher als die der jüngeren Laicher. Außerdem ist die Qualität der Eier älterer Fische wesentlich besser, da diese das Dotter ihre Eier mit mehr Nahrung (Lipide) ausrüsten als junge Fische. Auf Grund dieser größeren Stoffwechselreserven kann die Nachkommenschaft der älteren Laichfische längere Hungerzeiten überstehen. BERKLEY und Mitarbeiter sowie BOBKO & BERKELEY wiesen 2004 am Meeresfisch Sebastes melanops, einem Verwandten des Rotbarsches, weiterhin nach, dass die Nachkommenschaft älterer Laichfische Hungerperioden zwei- bis fünfmal länger überlebte als die jüngerer Laichfische.

Der zweite wichtige Punkt ist die Vitalität der Jungfische. Alte Laichfische erzeugen eine Brut, die größer ist, schneller wächst und auf Grund ihrer Energiereserven und Größe auch bessere Fluchtmöglichkeiten besitzt. Das Überleben dieser Brut ist deshalb insgesamt fünf- bis 10fach höherer als das von Larven junger Elternfische. Die allgemeine Behauptung: " …alle Larven haben die gleiche Vitalität…" ist deshalb falsch, wie von BERKLEY belegt!

Drittens hat das Alter der Elternfische Einfluss auf das Verhalten von Jungfischen. Die Übertragung von Verhaltensmustern auf Jungfische erfolgt bei alten Fischen besser als bei Jungen.

Die selektive Entnahme großer und alter Fische führt zur negativen Selektion. CONOVER & MUNCH veröffentlichten 2002 Erkenntnisse, die dies an Mondährenfischen (Menidia menidia) belegen. Durch selektive Entnahme der großen Fische erzeugten die Autoren eine Kleinwüchsigkeit in den nachfolgenden Generationen. So wurde z. B. das Längen- und Massewachstum der Nachkommenschaft durch die Selektion verringert. Die Entnahme großer und alter Fische ist somit ein Eingriff in die Evolution, eine Züchtung von Kleinwüchsigkeit und die genetische Veränderung der somatischen (körperlichen) Wachstumsfähigkeit. Die exzessive Entnahme größerer Fische hat in den vergangenen Jahrzehnten z. B. zum Zwergenwuchs und zu einem früheren Erreichen der Fortpflanzungsfähigkeit der Dorsche geführt (MEINELT, 2005). Apropos Dorsch, auch hier gibt es einige Paradigmen, welche nach den o. g. Erkenntnissen einer dringenden Revision bedürfen, wie z. B. "…die Laicherbiomasse der Dorsche ist entscheidend...". Dies ist falsch, wie wir eben gesehen haben. Die Struktur und Zusammensetzung der Laicher ist von entscheidender Bedeutung. Auf die alten und großen Laichdorsche kommt es an! Dies wurde auch für weitere Fischarten wie Bluefish, Black Rockfish und Schellfisch nachgewiesen (BIRKELAND & DAYTON, 2005). Der Laicherbiomasse an sich kommt deshalb nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Die Erhaltung einer genügenden Anzahl älterer Fische ist für die Wiederauffüllung und Stabilität genutzter Fischpopulationen von entscheidender Bedeutung!

Nun, was sind denn die Konsequenzen, die sich für uns Angler aus dem soeben Erfahrenen ergeben? Ich meine, dass an dieser Stelle die Mindestmaße überdacht werden sollten. Müssen wir generell die Mindestmaße anheben, um dem jungfräulichen Erstlaicher die Beteiligung am Laichgeschehen zu ermöglichen? Nach dem oben Genannten ist dies zu verneinen. Es spielt keine Rolle, ob ein Fisch schon einmal abgelaicht hat, ehe er entnommen wird (Sinn der Mindestmaße). Stattdessen muss über ein Höchstmaß nachgedacht werden. Alte Laicher müssen geschont werden! Dies kann durch Einrichtung von Schongebieten, Schonzeiten und Höchstmaßen erfolgen. Was wäre Euch, liebe Sportfreunde, denn am liebsten??? Irgendetwas wird und muss speziell beim Dorsch geschehen. Ist es unbedingt sinnvoll, während der Laichzeit gezielt auf Dickdorsche zu fahren? Macht es weiterhin Sinn, jeden gefangenen Fisch zu verwerten, auch wenn der Fisch für den persönlichen Konsum zu groß, für die zukünftige Nachkommenschaft jedoch sehr wertvoll ist? Sollte nicht auch der so genannte "vernünftige Grund" im § 1 des Tierschutzgesetzes neu interpretiert werden. Ich sehe mit Genugtuung, dass sich speziell Angler diesen Fragen stellen und vor allem Stellung beziehen wie z. B. STOCKFLETH (2005) aus Schleswig-Holstein und MUSKAT (2005) aus Hamburg. Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht mehr wie gewohnt sorglos in den Tag angeln können und wir müssen uns entscheiden, was wir zur Erhaltung der Fischpopulationen beitragen wollen!!! Es wäre wie immer fatal, wenn der Gesetzgeber uns auch diese Entscheidung abnähme…

Dr. Thomas Meinelt, Referent für Natur und Gewässer des DAV

Zitate:
Berkeley et al. 2004: Maternal age as determinant of larval growth and survival in a marine fish, Sebastes melanops. Ecology 85, 5, 1258-1264.
Birkeland & Dayton 2005: The importance in fishery management of leaving the big ones. Trends in Ecology and Evolution 20, 7.
Bobko & Berkeley 2004: Maturity, ovarian cycle, fecundity, and age-specific parturition of black rockfish Sebastes melanops. Fish. Bull. 102, 418-429.
Conover & Munch 2002: Sustaining fisheries yields over evolutionary time scales. Science 297, 94-96.
Meinelt, T. 2005: Frühreife Zwerge - oder warum die Dorsche kleiner werden. Angeln & Fischen 2, 60-61.
Muskat, K., DAV Referent für Meeresangeln & DMV Ehrenpräsident, 2006: Es ist erheblich wichtiger, große Meersfische zu schützen, als deren Mindestmaße anzuheben! Rute und Rolle 2.
Stockfleth, S., Präsident des Landesanglerverbands Schleswig-Holstein, Anglerunion Nord e.V. im DAV, 2005: Laichdorsche schonen.


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